Was mit deinen Chats passiert: vier KI-Begleiter-Apps, vier verschiedene Antworten

12. August 2026 · 8 Min. Lesezeit
  • Nomi sagt offen, dass Chats in Trainingsarchive wandern — nach der Kontolöschung bleiben die Archive, nur die Verknüpfung zu dir fällt weg
  • CrushOn trainiert ebenfalls mit Chatinhalten, und das Versprechen „wir verkaufen nichts“ gilt dort ausschließlich für Zahlungsdaten
  • Kindroid erwähnt Training mit keinem Wort. Das ist kein Nein, sondern eine fehlende Zusage
  • Muah.AI hält seine Dokumente hinter dem Login — vor der Anmeldung nicht prüfbar
  • Keine der vier Plattformen nennt eine konkrete Löschfrist. Keine einzige

Es gibt eine Frage, die auf keiner Preisseite dieser Branche beantwortet wird, und es ist die einzige, die nach dem dritten Abend zählt: Liest das jemand mit? Genauer gesagt — landet das, was du in einen Chat tippst, in dem Material, mit dem das nächste Modell trainiert wird? Die Antwort steht in den Datenschutzerklärungen. Sie steht dort auch ziemlich deutlich. Nur liest sie niemand, weil vierzehn Seiten Juristendeutsch zwischen der Frage und der Antwort liegen.

Wir haben die Dokumente von vier verbreiteten Apps nebeneinandergelegt und jeweils dieselben drei Fragen gestellt: Wird mit meinen Chats trainiert, wer bekommt meine Daten sonst noch, und was passiert, wenn ich mein Konto lösche. Die Dokumente sind öffentlich, die Links stehen unten, und die Prüfung dauert zwanzig Minuten. Interessant ist nicht die einzelne Antwort — interessant ist, dass die vier Firmen auf dieselbe Frage vier strukturell verschiedene Antworten geben.

Nomi: Training ja, Verknüpfung nein

Nomi ist die transparenteste der vier, und das ausgerechnet, weil die Antwort unbequem ist. In der Datenschutzerklärung steht, dass Gesprächsinhalte in Trainingsarchive eingehen. Löschst du dein Konto, werden diese Archive nach Angaben des Unternehmens von deiner Person entkoppelt — die Archive selbst bleiben aber bestehen. Das ist ein wichtiger Unterschied: gelöscht wird die Zuordnung, nicht der Text.

Der Rest liest sich sauber. Erhoben werden Google- oder Apple-Mail, ein Name oder Pseudonym, Geburtsdatum, Chatinhalte und Charaktereinstellungen, Zahlungsdaten beim Wechsel auf einen bezahlten Tarif, dazu IP, Browser, Betriebssystem und Besuchszeiten. Nur Sitzungs-Cookies, keine dauerhaften. Ein Verkauf oder eine Vermietung personenbezogener Daten wird ausgeschlossen, mit den üblichen Ausnahmen für Behörden, Gerichte und Rechtsberater. Die Löschung läuft über die Kontoeinstellungen und greift nach Bestätigung in etwa 28 Tagen.

28 Tage sind die konkreteste Zeitangabe, die uns in allen vier Dokumenten begegnet ist. Merk dir die Zahl, wir kommen darauf zurück.

CrushOn: das Verkaufsversprechen gilt nur für Zahlungsdaten

CrushOn sagt genauso offen, dass Chatinhalte zum Training der Modelle verwendet werden — nach eigenen Angaben ohne Verknüpfung zu einzelnen Nutzern. Bis hierhin ähnelt es Nomi. Der Unterschied steht ein paar Absätze weiter, und er ist der Grund, warum dieser Vergleich sich lohnt.

In der Richtlinie steht die Zusage, Daten nicht zu verkaufen. Diese Zusage bezieht sich ausdrücklich auf Zahlungsdaten. Über den Rest heißt es, er könne zu kommerziellen Zwecken genutzt werden. Auf der Seite laufen Google Analytics und Tag Manager, Retargeting und verhaltensbasiertes Targeting sind ausgewiesen, und externe Marketingfirmen erhalten Daten. Wer nur die Überschrift „wir verkaufen Ihre Daten nicht“ liest, nimmt eine Aussage mit, die das Dokument so nicht trägt.

Erhoben werden bei CrushOn außerdem Geschlecht, Geburtsdatum und Alter, hochgeladene Bilder und Audiodateien, erstellte Charaktere sowie Daten von Apple, Google, Discord und Line, falls du dich darüber anmeldest. Zu Speicherfristen und Löschung steht in dem von uns geprüften Durchgang nichts Belastbares — der Abschnitt Rights & Choices ist die Stelle, an der du selbst nachsehen musst.

Kindroid: kein Versprechen ist auch eine Antwort

Bei Kindroid taucht das Thema Training im gesamten Rechtsdokument nicht auf. Kein „wir trainieren mit Ihren Chats“, aber eben auch kein „wir tun es nicht“. Das ist keine Kleinigkeit und auch kein Versehen, das man wohlwollend als Nein lesen sollte: Eine fehlende Zusage ist eine fehlende Zusage. Nomi und CrushOn haben sich festgelegt und sind daran messbar. Kindroid hat sich nicht festgelegt.

Was Kindroid dafür konkret sagt: Chats werden verschlüsselt gespeichert und bleiben erhalten, bis du den jeweiligen Charakter oder das ganze Konto löschst. Profildaten bleiben, solange das Konto existiert, Zahlungsdaten so lange, wie sie für die Abwicklung nötig sind. Gelöschtes kann in anonymisierter und aggregierter Form bestehen bleiben. Verkauf und Weitergabe personenbezogener Daten werden verneint, auch rückwirkend für die letzten zwölf Monate — Auftragsverarbeiter, Analysepartner und Zahlungsdienstleister bekommen die Daten trotzdem. Gelöscht wird auf Anfrage, mit Ausnahmen für rechtliche Pflichten und den Betrieb des Dienstes.

Muah.AI: hinter dem Login

Bei Muah.AI konnten wir die Fragen nicht beantworten, weil die Dokumente erst nach der Anmeldung erreichbar sind. Wir schreiben das so hin, statt zu schätzen. Praktisch heißt es: Du müsstest ein Konto anlegen, um zu erfahren, was mit den Daten dieses Kontos geschieht. Ob das ein bewusster Aufbau ist oder schlicht schlecht gebaut, wissen wir nicht — prüfbar ist es vorher jedenfalls nicht.

AppTraining mit ChatsLöschung
NomiJa, Archive bleiben nach KontolöschungÜber Einstellungen, ca. 28 Tage
CrushOnJa, laut eigener Angabe ohne NutzerbezugIm geprüften Durchgang nicht belegt
KindroidNicht erwähnt — keine ZusageAuf Anfrage, mit Ausnahmen
Muah.AIDokument hinter dem LoginDokument hinter dem Login

Der Punkt, den alle vier auslassen

Zurück zu den 28 Tagen. Sie sind deshalb bemerkenswert, weil sie die einzige belastbare Frist in vier Dokumenten sind. Keine der Plattformen nennt eine verbindliche Zusage, bis wann Chatinhalte tatsächlich aus allen Systemen verschwunden sind — Backups, Archive und anonymisierte Bestände eingeschlossen. „Auf Anfrage“, „mit Ausnahmen für rechtliche Pflichten“, „in anonymisierter Form“ sind die Formulierungen, mit denen das offen bleibt.

Deshalb ist die zweite Frage die praktisch wichtigere: Wer betreibt das überhaupt, und ist er greifbar? Eine im EU-Handelsregister eingetragene Firma muss auf einen Löschantrag reagieren. Ein Impressum, das aus einer Mailadresse besteht, muss gar nichts. Lovescape zum Beispiel druckt den Betreiber in die eigenen AGB — Warmtech Ltd, Zypern, Handelsregisternummer HE 418620. Das sagt nichts darüber, wie gut die App ist. Es sagt etwas darüber, an wen du dich wenden kannst, wenn sie es nicht ist.

Wonach du in einer Richtlinie suchst

Du musst diese Dokumente nicht lesen. Du musst vier Begriffe darin suchen, und das dauert bei jeder App etwa fünf Minuten:

  • „train“, „training“ oder „improve our models“ — steht dort nichts, existiert auch keine Zusage
  • „sell“ — und dann genau prüfen, worauf sich der Satz bezieht. Bei CrushOn sind es ausschließlich die Zahlungsdaten
  • „delete“ oder „retention“ — such nach einer Zahl. Findest du keine, gibt es keine Frist
  • Firmenname und Registernummer, meist ganz unten in den AGB. Fehlen sie, weißt du nicht, wem du schreibst

Nichts davon macht eine App unbenutzbar. Millionen Menschen nutzen Dienste mit deutlich schlechteren Richtlinien und haben nie ein Problem damit. Der Punkt ist ein anderer: Du sollst wissen, worauf du dich einlässt, bevor du zahlst, und nicht erst, wenn du wieder heraus willst. Was das Ganze am Ende kostet, steht in was eine KI-Freundin wirklich kostet. Stand aller hier genannten Angaben ist August 2026 — Richtlinien ändern sich, und die Links oben führen jeweils auf das Original.

Eine Firma, die im Register steht

Lovescape druckt den Betreiber in die eigenen AGB: Warmtech Ltd, Zypern, Handelsregisternummer HE 418620. Ein Löschantrag an eine eingetragene EU-Firma ist eine Pflicht, keine Gefälligkeit.

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